tm0914_continental_07 tm0914_continental_08 tm0914_continental_09

Nur Lincoln blieb cool: Wenn alle anderen ihre Motoren abspeckten und die Dimensionen ihrer Karossen schrumpfen ließen, wolle man erst recht demonstrieren, dass der Continental zur Oberklasse gehöre.
Und so sollte der Mark V das einzige US-amerikanische Auto der späten 70er Jahre sein, das bei seiner Vorstellung noch größer als sein Vorgänger war. Diese Größe wurde ungeschminkt zur Schau gestellt. Kantige fast 5,9 Meter Länge und eine Breite von mehr als zwei Metern erweckten den Eindruck eines modernen Mastodons. Der Wagen hatte fast keine Rundungen, begann vorn mit einem fetten, klappscheinwerfergeflankten Rolls-Royce-Style-Kühler und endete viel weiter hinten mit einem im Kofferraumdeckel angedeuteten, aber dort nicht vorhandenen Reserverad. Dazwischen fand der Betrachter, wenn er seinen Blick von ganz links nach ganz rechts schwenkte, sinnentleerte, aber mächtige Design-Kiemen hinter den Vorderrädern („Louvers“). Und nur zwei Türen, jede wieder ungefähr so lang wie ein Smart, dazu in den C-Säulen die kleinen, schon aus dem Vorgänger bekannten rundlichen „Opera Windows“.

Innen umgibt einen (wenn man den Blick endlich von dieser Motorhaube abwenden kann) purer 70er-Jahre Luxus. Zumindest vorn ist reichlich Platz. Alles funktioniert elektrisch, und die sechsfach verstellbaren Plüsch-Fauteuils lassen einen versinken wie in der warmen Zunge des Apatosaurus. Ganz tief drinnen – allerdings kann von Bodenkontakt keine Rede sein. Es gibt einen Fond, aber dort sollte niemand längere Touren verbringen müssen, wenn ihm nicht vorher von einem Velociraptor die Beine geklaut wurden… Beim Tritt aufs Gas knurrt er zufrieden wie ein Stegosaurus nach dem Mittagessen. Zu hören ist ansonsten von den durstigen Kraftwerken im Alltagsbetrieb so gut wie nichts: Im Continental waren rund 75 Kilo Dämmung verbaut, die den Wagen selbst unter Last gespenstisch leise hielten. Das Auto war und ist gewöhnungsbedürftig, im Stadtverkehr dreht man an der kinderleichten Servolenkung wie ein irrer Ritter an der Zugbrückenwinde bei einem drohenden Angriff der Warane. Aber die Gewöhnung geht auch heute noch schnell. Trotz der verhältnismäßig wenigen PS tritt der Saurier kraftvoll und leise an und lässt sich, wenn auch episch kurbelnd, kinderleicht durch den Verkehr lenken. Nur der norddeutsche Wind ist zu hören, wenn er an den Außenspiegeln und den Kanten der Karosserie zerrt. Und manchmal das mechanische Glöckchen, wenn der Tank wieder leer ist. Dabei möchte man fahren, nur um des Fahrens willen, immer weiter, einfach weil es so entspannt ist und so viel Spaß macht. Kennt nicht jemand einen Mineralölkonzern persönlich…?

tm0914_continental_10 tm0914_continental_11
tm0914_continental_06

 

Der Blick des Reisenden liebkost andächtig die vor ihm liegende Kommode aus Instrumenten. Er fixiert die von „Walnut Woodgrain“ umrahmte serienmäßige Uhr von Cartier, rutscht aber stets ab zu dem großen blinkenden „LOW FUEL“-Lämpchen unter der kleinen Tankanzeige. Tanken? Shit. Blinker rechts, und jetzt bloß auf die langen Überhänge der Karosserie achten, sonst rasieren wir die Zapfsäulen weg und merken das nicht mal. Auf der linken Flanke hinten befindet sich die Klappe, darunter lauert der Tankstutzen.

Während das wertvolle Nass in die Kavernen rinnt, ist genug Zeit für eine kleine Motown-Besichtigung. Denn auch bei den V8-Motoren hat sich die Lincoln-Mercury-Division nicht lumpen lassen. Auch wenn die Scheichs gerade erst durch die politisch motivierte Reduzierung der Ölfördermengen ihren Einfluss demonstriert hatten, pflanzte man hier in Detroit weiterhin Motoren mit Hubräumen in den Dimensionen von Sauropoden unter die langen Hauben. Der bescheidene 6,6-Liter-Motor (402 cui) wurde über seinen Doppelvergaser in den drei Produktionsjahren von 179 PS (155 kW) auf 159 PS (133 kW) gedrosselt und erfüllte damit die Bedingungen der sehr strengen Abgasgesetze Kaliforniens. Dort nicht, aber in allen anderen Bundesstaaten konnten die Käufer außerdem den guten alten 7,5 Liter-Motor (458 cui) bestellen, und das taten sie auch. Wenn schon einen mehr als zwei Tonnen schweren Dinosaurier vor der Tür, dann auch einen richtigen.

tm0914_continental_12

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code