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Das 51 Jahre alte 2-Door-Hardtop-Coupé sieht aus wie eine Zeitmaschine, die in einer Epoche gelandet ist, wo sie nicht hingehört: in der Zukunft. Auf den ersten Blick fällt das nicht auf, im Hintergrund stehen alte Güterwagons auf einem alten Bahnhof. Auf den zweiten Blick schon. Auf der dreispurigen Umgehungsstraße im Hintergrund rasen Ströme von rundgelutschten Autos wie ein Wasserfall dahin, Bässe, Beats und schreiender Elektropop ist aus offenen Fenstern zu hören. Eine tief fliegende Airbus Beluga scheint am Himmel zu kleben und blickt böse donnernd auf Teenager herunter, die sich während ihrer Wartezeit an der Bushaltestelle schweigend auf ihre Smartphones konzentrieren. Die Welt ist schnell geworden. Sie ist laut, hektisch und unpersönlich. Das Internet hat sie auf Dorfgröße schrumpfen lassen und produziert massenweise überforderte Menschen, die mit durchgeknallten Sicherungen in die Reha-Kliniken gespült werden.

Ich komme mir auf der vorderen Sitzbank des Zweitürers wie ein Zeitreisender vor und weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll. Der Wählhebel am riesengroßen Lenkrad steht auf P und ich drehe am Schlüssel. Gierig saugend erwacht der 352-cui-Mini-Big-Block zu agilem Leben und hechelt gesund im Standgas vor sich hin. Der Tank ist halbvoll, es gibt keinen Zeitdruck und kein Ziel. Nur fahren. Ist das mit so einem Auto möglich? Oh ja. Aber wehe, man hat vorher zu lange in europäischen Jahreswagen gesessen…

Mit dem Fuß auf dem Bremspedal von der Breite eines Schulranzens ziehe ich den Hebel an der Lenksäule und lege Fahrstufe D ein. Huch? Der will echt los! Ich trete erheblich fester zu und bedeute ihm damit, dass ich noch nicht so weit bin. Anschnallen? Nein, womit auch? Gurte gibt es an den beiden Sofas mit den originalen Werksschonbezügen nicht. Der Blinker ist da, wo man ihn vermutet, das Radio bleibt erst einmal aus, alles andere regelt sich schon – wie die Zweizonenklimaanlage „Select-Aire“ zum Beispiel. Fuß von der Bremse und los.

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Vorwärts, langsam, aber mit Macht. Europäer aus den 70ern mit Automatikgetrieben kriechen zaghaft los, wenn die Fahrstufe eingelegt wird. Amis aus den 60ern drücken regelrecht nach vorn, ohne die Drehzahl anzuheben. Das regentonnengroße dünne Lenkrad lässt sich dabei mit dem kleinen Finger der rechten Hand drehen, allein die Servolenkung scheint schon mehr PS zu haben als ein aktueller Kleinwagen. Feeling für die Straße: Null. Geradeauslauf: gewöhnungsbedürftig. An der Einfädelung zur dreispurigen Umgehungsstraße warten die motorisierten elf Quadratmeter Grundfläche geduldig mit mir, bis ein Lkw aufblendet und uns reinlässt. Aufs Gas und los.

Die Wolke aus Gummi und Staub im Rückspiegel ist mir sagenhaft peinlich – wer hätte denn gedacht, dass die Fuhre so derbe losgeht? Der Ford und ich schwimmen endlich im Verkehr mit. Langsam entspanne ich mich ein bisschen. Die Rundumsicht ist aufgrund fehlender Kopfstützen und großer Fensterflächen sagenhaft und macht es dem Steuermann ein bisschen einfacher, die Dimensionen des Raumgleiters abzuschätzen. Hinter mir ist noch ungefähr so viel Auto, als wäre ich mit einem Anhänger unterwegs, und vor mir ist die Nase schon halb über die Kreuzung wenn ich noch gar nicht an der Ampel angekommen bin. Sagenhaft. Und er ist überraschend agil zu bewegen. Was er an Gewicht zu viel hat, macht er an Drehmoment wieder wett. Später, im Wohngebiet mit verkehrsberuhigten Zonen und Bumpern, haben wir zwei uns aneinander gewöhnt. Ich traue mich, das Radio anzumachen und kurbel sogar mutig das Fenster runter. Mit dem kleinen Finger am Volant und einem halben Auge auf dem Meilentacho gluggern wir durch den warmen Julinachmittag. Hier und da dreht noch mal ein Hinterrad beim Verlassen eines Kreisverkehrs kurz quietschend durch, aber nach und nach fährt sich der Galaxie tatsächlich wie ein Auto – allerdings mit Raketenkraft und Raumschiffdimensionen. Geil. Der V8 schnurrt seidenweich und kraftvoll unter seiner Haube, die Gänge werden butterweich eingelegt und alles um mich herum verströmt die heitere Leichtigkeit einer hell erleuchteten Milchbar.

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