Einmal Goodwood Revival und nicht mehr wirklich zurück: Das größte Theater der automobilen Klassikwelt lässt jeden Besucher in eine Rolle schlüpfen, die er nur ungern wieder abstreift

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Man kann eigentlich ziemlich schnell wahnsinnig werden. Schon lange, bevor man auch nur ein einziges Stück Asphalt des Goodwood Circuit gesehen hat. Oder ein Stück Blech von all den Pretiosen, die darauf herumrasen.

Nein, nicht von den Staus, die sich morgens ab acht von der Stadt Chichester im Kriechgang zum Anwesen der Herzöge von Richmont schlängeln. Oder von den vielen mehr oder weniger altersschwachen Großserienwagen, deren Kühlsysteme vom dauernden Schiebebetrieb auf dem Weg verrecken. Auch nicht von den vielen Schildern „Sold out“, die alle Hoffnungsvollen von der Idee befreien, noch eine Karte für das Goodwood Revival an der Kasse zu ergattern. Oder von den riesigen knallgrünen Weideflächen, die zu den Ländereien des adligen Bleifußlords namens Earl of March and Kinrara gehören und die jetzt als Parkfläche für alle profanen Autos der anreisenden Zuschauer herhalten. Wozu auch Supersportwagen wie McLaren F1 oder Aston Martin Vanquish gehören. Die sind nämlich zu neu für den Grund und Boden direkt vor dem Rennzirkus-Eingang.

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Kämpfe bis aufs Blech: Wer in Goodwood rennt, will auch gewinnen, koste es, was es wolle. Berührungen der Autos sind nicht selten, manchmal endet es auch im Totalschaden wie die Cobra von Gerhard Berger. Fantastisch die Vielzahl der verschiedenen Fahrzeuge und deren Qualität.

Nein, der erste wirkliche Oldtimerflash stellt sich ein, wenn man sich durch mehr als 3.000 Klassiker – von Alfa bis Lancia, von Bentley bis Lotus, von Mercedes bis Porsche, von Chevrolet bis Willys – zwängt. Die dürfen in unmittelbarer Nähe vor dem Ort parken, wo fleißige Helfer das Ticket zu rund 60 Pfund pro Tag zerreißen – ein bevorzugter Parkplatz für alle, die in einem Klassiker anreisen. Hier stehen schätzungsweise rund 3.000 Klassiker. Von unschätzbarem Wert.

17-goodwood_revivalDa konkurrieren Bristol und Jensen, Wolseley und Triumph, Austin und Rolls-Royce um Aufmerksamkeit, natürlich sind englische Marken in der Überzahl. Da stehen so viele Jaguar E herum, dass man auf den Gedanken kommt, es könne der britischen Kitcar-Industrie gar nicht so schlecht gehen. Doch der Geld-Adel, der hier alljährlich den Gen-Adel besucht, hat nachgemachte Autos gar nicht nötig. Was hier steht, ist echt. Genauso wie der Champagner, der kurz vor dem eigentlichen Besuch noch schnell am Kofferraum genüsslich verköstigt wird. Und es macht einen echt wahnsinnig.

Der Vorteil daran: Man ist schon ein bisschen gaga, wenn man endlich ins Innere des blaublütigen automobilen Heiligtums gelangt. Und deswegen fällt man nicht so auf.

Denn was sich dort abspielt, ist so herrlich britisch, dass der unvorbereitete Festlandeuropäer sich inmitten eines interaktiven Theaterstückes wähnt. Und genau dort ist er gelandet.

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Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus: Ob Bobbys als Schieber, Schotte als Fotograf, Bomber als Unterhaltung, Rockerlady als Fotoobjekt, MGA als Polizeiwagen oder Rennwagen als Dampfer – langweilig wird’s beim Revival nie.

Das beginnt bei den Schauspielern – hier ist jeder Gast ein Schauspieler. Gewandet in typischen Klamotten der 30er bis 70er Jahre laufen hier Hippies, Gangster, Mechaniker, und massenhaft Gentlemen in kiloweise Tweed herum, die Damen in Pettycoats, engen Kleidern und Nylons. Soldaten und  Sanitäterinnen scheinen in der Überzahl zu sein und zeugen von Großbritanniens unverkrampftem Umgang mit vergangenen Weltkriegen.

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Überhaupt scheint der gemeine Brite gerne seinen Hang zum Dramatischen auszuleben. Die Fahrer der Rennautos der 30er bis 60er Jahre, die auf dem gut 3,8 Kilometer langen Rundkurs um die Ehre brettern, haben ihr eigenes Catering-Zelt, genannt „war room“ – ausstaffiert mit Sandsäcken, Einsatzplänen und Munitionskisten. Draußen steht eine restaurierte Haubitze, und ein paar Kinder toben unbekümmert um eine Fliegerbombe, an der „Danger“ dransteht. Vor dem Zelt parken zehn Supermarine Spitfire, deren Geburt vor 75 Jahren im fast benachbarten Southampton gebührend gefeiert wird, indem alle in Formation über Goodwood fliegen, was laut Hausherr „seit 1946 nicht mehr in dieser Form passiert ist“.

Und wenn man dann die Flugzeugausstellung mit der „Fliegenden Festung“ B-17G gesehen hat und die singenden Truppenentertainerinnen passiert, die auf einem Armeegespann hocken und a capella gegen startende Automotoren antreten, denen Schalldämpfer so fremd sind wie uns Deutschen der Genuss von Bohnenmus zum Frühstück – ja, dann ist man im Herzen des Wahnsinns.

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Sehen und gesehen werden: Ob im, am oder ohne Auto – Hauptsache, man zeigt sich. So wie Jochen Maaß beim Signieren und Rauno Aaltonen im Gespräch (links) oder wie der Chef vom Ganzen, Lord March (rechts). Besonders beeindruckend: der Gästeparkplatz für Oldies

Unter Reihencarports und ähnlich gestalteten Zelten warten die teuersten Autos auf ihren Einsatz: Eine Phalanx von Jaguar C-Types. Ein paar Ferrari GTO. Jede Menge Maserati, seltene Bugatti, und natürlich stundenlang Lotus Climax und andere Kombinationen von oft englischen Autobauern mit Motorenherstellern. Alte Grand-Prix-Wagen rasen genauso mit wie Tourenwagen zwischen 1960 bis 1966, die es jemals in einer Rennausführung ab. Ein Plausch mit Jochen Maaß, der gerade ein paar Fans der 40er Jahre Autogramme gibt, ist genauso möglich wie mit dem „Fliegenden Finnen“ Rauno Aaltonen, der im Mini Rallye-Weltmeister wurde, als es noch gar keine WM gab. Oder man beobachtet Tourenwagen-Amazone Claudia Hürtgen, wie sie Grassoden aus der Front ihres Mini Cooper stochert – das Auto hatte beim Training ein Rad verloren und die Schnauze tief in herzogliches Gras gesteckt.

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Der Fauxpas der Rennlady: So zerstört man einen Jaguar E Lightweight – ab durch die Barriere der Schikane, dann langsam ausrollen lassen. Desiré Wilson entstieg dem geplätteten Grauen aber zum Glück völlig unverletzt. Nur der Fußweg vorbei an den Tribünen zurück zur Box war hart…

Nicht das einzige Missgeschick von uns geläufigen Sport-Ikonen. Die einzige Frau, die je in einem Formel-1-Wagen ein Rennen gewann, Desiré Wilson, verformte ihren E-Type Lightweight, als sie durch die Begrenzung der Schikane vor der Startgeraden donnerte. Zwar besteht die nur aus Blumen, Styropor und Sperrholz, dennoch war für ihren filigranen Jaguar die Geschichte beendet. Ex-Formel-1-Pilot Gerhard Berger trieb es noch doller: Der versenkte eine originale AC Cobra von 1961 so nachhaltig in der Streckenbegrenzung, dass selbst ein gestandener Restaurator wahnsinnig werden muss.

12-goodwood_revivalAndere VIPs wühlen sich kratzerlos durch die Felder der verschiedenen Rennläufe, zum Beispiel der deutsche Tourenwagenprofi Frank Stippler, der achtfache Le-Mans-Champion Tom Kristensen und Derek Bell. Selbst wenn Rallye-Legende Stig Blomquist im Saab 96 dem Feld hinterher hetzt, ist das wahnsinnig. Wahnsinnig aufregend.

Das Schlimmste am Goodwood Revival ist eigentlich, dass man für sein Leben verdorben dort wieder raus kommt. Rein physisch gesehen.

Psychisch bleibt man einfach da…

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Bilder: Roland Löwisch

1 Antwort
  1. Walter Ritschel
    Walter Ritschel sagte:

    Hallo mein Name ist Walter Ritschel.
    ich möchte mich kurz vorstellen. ich veranstalte seit 6 Jahren Flugreisen zum Goodwood Revival und Historik Grand Prix in Le Mans.
    Da ich selbst seit 11 Jahren nach Goodwood komme,
    hat mich schon immer die lästige an und abreise mit den Staus auf englischen Autobahnen und Landstraßen gestört. Vor 6 Jahren kam ich in Kontakt mit einem Luftfahrt Unternehmen, dass es ermöglicht Goodwood direkt anzufliegen, und im Infield der Rennstrecke zu
    landen. Mit einem Historischen Fahrzeug wird man am Flieger abgeholt, und ist in 5 Minuten direkt im Fahrerlager von Goodwood.
    Wir fliegen meist morgens 8Uhr mit 1 oder 2 Flieger ab Egelsbach ,(15Km südlich von Frankfurt) ,in ca.1.50 St. mit einer 2 Motorigen Maschine über Luxenburg, Belgien, dann die Englische Südküste entlang nach Goodwood. Der Flug alleine ist schon ein Erlebnis, da die Sicht aus einer Flughöhe von 2500 Meter über die Lanschaft toll ist. Wir sind dann am selben Tag abends gegen 20 bis 21Uhr wieder zurück. Die Leute die schon mitgeflogen sind, wahren alle Begeistert von der Veranstaltung und dem Flug. Vielleicht währe es ein Bericht in Ihrem Magazin wert veröffentlicht zu werden.
    Sie können mich jederzeit Telefonisch 0172 670 2061 und E- mail walter.ritschel@t-online.de -Anlage : http://www.goodwoodflug.de mit freundlichem Gruß W. Ritschel

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