Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Der TÜV, die HU – alle Doppeljahre wieder steht die Prüfung der Gebrauchtwagen bevor. Also uns – und man weiß ja nie, was da alles zu Tage tritt. Ich zum Beispiel hab mein Auto noch nie von unten gesehen

Es ist Fluch des deutschen „Daily Drivers“ aus den 70ern: Während die überschaubare Technik noch heute gelobt wird, ließ die Rostvorsorge in jenem Jahrzehnt mehr als zu wünschen übrig. Falznähte blühen, Schweller knuspern und Stehbleche bröseln. Mal offen, mal im Verborgenen, da geben sich Audi, Mercedes, Opel, Ford und VW den Türöffner in die Hand. Ich rolle in der Mittagspause noch schnell zu meiner Leib- und Magen-Prüfstelle in Kiel, um einen Termin zu machen. Davor will ich allerdings in Ruhe am alten Blech rütteln und richten, was gerichtet werden muss.

„Ist grad ruhig, fahren Sie den mal gleich vor…“ Huch? Völlig unvorbereitet stehe ich mit dem Schlüssel in der Hand vor meinem Auto, was unter meiner Regie noch keine HU bekommen hat. Seit zwei Jahren fahre ich den nur sporadisch, Sommer wie Winter. Ich lag noch nie drunter, das war schlicht nicht nötig. Glaube ich. Was mag der Mann alles finden? Festgegammelte Bremsen? Ölverlust? Legt er mein H-Baby gleich still? Ogottogott. Während der Meister die Papiere abtippt, tausche ich schnell heimlich die gelben H4-Lampen gegen die weißen im Handschuhfach, man will ja niemanden provozieren.

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Er rüttelt, er stochert, er leuchtet. Dabei pfeift er ein Lied, das ich nicht kenne. Sichtlich zufrieden kommt er aus seiner Grube wieder nach oben. „Wie sind Sie denn dem Rost Herr geworden, der war ja bei diesem Modell quasi mit eingebaut?“ Ich murmele was von „Hohlraumkonservierung“ und „guter Pflege“ und beteure ohne rot zu werden, immer brav alles machen zu lassen. Der gute Mann misst die Abgaswerte und ist zufrieden. Er prüft das Licht, justiert hier ein, biegt da den Nebelscheinwerfer etwas nach oben und ist erneut zufrieden. Der alte Audi hopst brav vom Bremsenprüfstand runter, alle Seiten ziehen gleichmäßig. Noch immer zweifelnd warte ich auf den obligatorischen Satz „Auf so einem habe ich damals gelernt, den kenne ich in- und auswendig.“ Aber der kommt nicht. Professionell schweigend wackelt der Mann überall da, wo es wackeln könnte und ist zufrieden. Und *zack* ist die frische Plakette hinten drauf.

Ich folge ihm wie das Küken der Ente in sein Büro, bezahle mein Geld, setze mich in meine alte Karre und kann es kaum glauben. Zwei Jahre Ruhe. So einfach kann das gehen? Beim Starten orgelt er plötzlich ein bisschen länger als sonst, springt dann aber brav an und bläst eine blaue Ölwolke in die Luft. Sollte ich diesem Auto vielleicht doch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit schenken als in der Vergangenheit? Er scheint es verdient zu haben.

Ich fahre zurück zur Arbeit. Und bin zufrieden…

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Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

In Deutschland muss das Licht am Auto vorn weiß und hinten rot sein. Bei mir ist es gelb.
Und das ist weniger einleuchtend als ich
 bislang geglaubt hatte

Alles ist in diesem deutschen Land geregelt und schriftlich niedergelegt. Und das ist häufig auch gut so. Aber auch bei Autos auf deutschen Straßen? Da soll das Licht nach vorne weiß leuchten, die Blinker gelb. Hinten strahlt die Beleuchtung rot, die Rückfahrscheinwerfer weiß und die Blinker wieder gelb.

Immer? Nee, nicht immer: Alle meine Autos haben seit einem Urlaub in Frankreich anno 1996 gelbe Lampen vorn in den Scheinwerfern. Das sieht nicht nur cool aus und hat für die entgegenkommenden Menschen bei Dunkelheit einen gewissen Wiedererkennungswert – das hat auch besonders in den Übergangsmonaten handfeste Vorteile. Denn gelbes Licht wird vom Nebel nicht so sehr gestreut wie weißes und durchdringt ihn besser. Eine von gelbem Licht illuminierte Straße wird vom menschlichen Auge wesentlich konturierter und kontrastreicher wahrgenommen, und gelbes Licht lässt die Augen bei längeren Reisen nicht so schnell ermüden. Diese Vorteile werden auch in gelben „Nachtsichtgläsern“ vereint, die ich aber nicht tragen will, weil ich dann bei der nächsten Verkehrskontrolle als potenzieller Sniper aus dem Verkehr gezogen werde.

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Trotzdem ist gelbes Licht inzwischen nicht mal mehr in Frankreich erlaubt. Warum? Vielleicht, weil es einen Hauch weniger Helligkeit als das weiße bietet. Und weil in Deutschland nun mal weißes Licht sein muss. Ob das Thema Helligkeit immer in Größenwahn enden muss, kann übrigens jeder beantworten, dem schon einmal ein Neuwagen mit Xenonstrahlern der dritten Generation entgegen gekommen ist. Die Verbrennungen auf der Netzhaut leuchten noch tagelang nach. Also fahre ich mildes, warmes Gelb. Ich Rebell.

In den vergangenen fast 20 Jahren bin ich nie (deshalb) angehalten worden, aber vor kurzem war‘s dann so weit. „Schön‘ guten Abend, allgemeine Verkehrskontrolle, finden Sie nicht auch, dass Ihre Scheinwerfer ein bisschen zu gelb leuchten?“ Ich verneinte dies. Schließlich seien das offizielle H4-Glühlampen, die man bei Audi am Tresen ordern könne. Und das stimmt sogar. Froh, nicht so eine Nachtsichtbrille zu tragen, händigte ich dem Ordnungshüter meine Papiere aus und bereitete mich auf eine Farbendiskussion vor, als neben uns an der Kreuzung ein Golf IV hielt. Die Bässe von innen ließen die Scheiben vibrieren. Das Abblendlicht vorn schimmerte blau, und nach dem fliegenden Start an uns vorbei sahen wir grüne Rücklichter in der Nacht verschwinden.

Der Polizist gab mir hektisch die Papiere wieder, schaute mir dann ein bisschen länger in die Augen als nötig, wünschte mir einen schönen Abend und jagte mit Kollege und Streifenwagen dem Golf hinterher.
Bei mir bleibt’s gelb. Mal sehen, wann der nächste Deutsche etwas gegen sinnvolle Veränderungen hat…

 

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Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Ein analytischer Abgesang
 auf den Verbleib des linken Arms

Lange Autofahrten bringen seltsame Erkenntnisse. Mein rechter Arm liegt wie immer auf der nach ihm benannten Armlehne. Aber der linke? Was macht denn der eigentlich so?

Der lässig auf der oberen Türkante liegende Ellenbogen. Das geht natürlich nur dann, wenn so eine Kante auch da ist. Also nicht im Fiat Panda oder im Renault Twingo. Im besten Fall liegen die Finger entspannt lenkend um die nahezu weiblichen Formen des Lederlenkrads, senden leichte richtungsgebende Impulse und lassen die Fuhre am liebsten geradeaus den Highway entlang gleiten. Ungeeignet für dänische Kreisverkehre.

Hat man festgestellt, dass man so von draußen ziemlich prollig aussieht, rutscht der Oberarm ganz automatisch runter auf dieses Mittelding in der Tür, von dem ich gar nicht weiß, wie es heißt. Die Hand, eben noch den äußeren Orbit des Volants erkundend, ruht nun elegant mittig. Auch jetzt sind nur marginale Kurskorrekturen möglich, aber an Wildwechsel denke ich heute um diese Uhrzeit nicht.
Fast in einem haptischen Erlebnis mündend ist das Fahren mit der Hand in der Mitte des Lenkrades, den Ellenbogen dabei auf dem linken Oberschenkel ruhend. Hierbei können die sensiblen Fingerkuppen voller Zärtlichkeit das Steuer ertasten. Völlig verzaubert von meiner Macht über die Technik fällt mir auf, dass ich so positioniert permanent am Hupen bin. Peinlich. Ich nehme die Hand von dieser sensiblen Stelle und bedaure zutiefst, jetzt vielleicht doch einen Wildwechsel ausgelöst zu haben.

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Oben ist die Hand besser aufgehoben, nicht minder prollig aussehend habe ich so das Ruder wieder fest im Griff und kann auch den Arm wieder einmal durchstrecken. Obwohl mich weit und breit niemand sieht, ist mir diese Position peinlich. Der Gasfuß wird härter, die Musik lauter, mein Blick aggressiver und… NEIN! Was geschieht hier? Das Rätsel ist gelöst, es ist die Position des linken Armes, die den Piloten eines tiefer gelegten Kleinwagens zu dem macht, was er ist! Schnell lasse ich los und greife in die… Fahrschulhaltung. Oberes Drittel des Steuers, beide Hände fest (aber nicht verkrampft) das Leder umgreifend und weiter geht’s. Tatsächlich habe ich in dieser Position umfangreiche Kontrolle über die vielen Hebel am Lenkstock, komme nun von beiden Seiten an die Hupe ran und kann in Notsituationen sofort ausweichen, bremsen und abblenden. Aber schon nach kurzer Zeit werde ich müde. Meine Ellenbogen hängen unmotiviert im Auto rum, die Brustmuskulatur fühlt sich beansprucht an und die Straße ist einfach zu gerade für die möglichen Boshaftigkeiten, denen es auszuweichen gilt.

Das Lenkrad meines Autos hat glücklicherweise auch ein lockeres Unten. Bin ich nicht langsam mal da? Nein, aber wenigstens bin ich noch auf der geplanten Strecke, trotz der vielen Gedanken und Positionen. Wir haben hier sozusagen eine Art Kamasutra der Langstrecke, Haut (Rind) auf Haut (meine Hand), tiefes Vertrauen zueinander und die haptischen Erfahrungen der Interaktion Mensch – Maschine. Vielleicht sollte ich mal eine Pause machen und einen Kaffee trinken. Und dann geht das alles wieder von vorne los, Türoberante, Türmittel-Dings, …

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Sommerzeit – Reisezeit. Viele fahren mit dem Auto. Und haben Kinder hintendrin.
 Ohgottohgott…

Na, da hab ich mir ja was eingebrockt. Gerade noch haben meine beiden Mädels auf dem Rücksitz entrückt auf ihre Smartphones geglotzt, ihren Welten über Facebook uninteressanten, Zeit fressenden Kram mitgeteilt oder schweigend Filme geguckt. Das finde ich unkommunikativ, das geht schließlich schon seit unserer Abfahrt in Kiel so. Und wir sind bereits in Kassel. Also Ohrstöpsel raus: Mädels, spielen wir doch mal – so wie ich damals mit meinen Eltern – ein paar lustige analoge Reisespiele.

Was für eine Schnapsidee.

Beim Nummernschilder-Raten sind beide um Längen besser als ich (später komme ich drauf, dass die kleinen Hinterlistigen die Antworten heimlich hinter den Frontsitzen googeln). Beschämend – denn ich verliere nicht gern. Bei „Ich packe meinen Koffer“ werden so schräge Sachen wie Bench-Jacken, Yankees-Fan-Caps oder iTunes-Geschenkgutscheine mitgenommen, und die Kids merken sich einfach alles. Ich bin zu alt dafür – und weil ich schlecht vorbereitet bin, fallen mir noch nicht mal mehr als diese zwei Spiele ein. Und das ist fatal, denn heutige Teenager können sich innerhalb von Millisekunden zu Tode langweilen. Was haben meine Eltern damals gemacht? Haben sie sich vielleicht 1980 scheiden lassen, weil diese Urlaubsreisen ohne Tablets oder Smartphones schlicht unerträglich waren? Vielleicht.

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Ihres freien Willens/Handys beraubte und gelangweilte junge Frauen sind schlimm. „Boah, wie lange fahren wir denn jetzt noch?“ Oder später: „Können wir endlich mal anhalten? Ich muss mich nachschminken…“ Ja: Die Geister, die ich rief…. Auch mein Vorschlag, die beiden die Musik aussuchen zu lassen, verkürzt meine Lebenserwartung um mehrere Jahre. Meine Musik kennen oder wollen sie nicht („Alte-Leute-Musik“), also stöpseln sie eines ihrer Smartphones an das Radio. Nachdem 42 basslastige Tracks, in denen meist ein minderjähriger schwarzer Checker was über das harte Leben in den Straßen erzählt, nur kurz jeweils angespielt werden („nee warte mal das nicht, hier, das. Nee, das. Oder….“) schlage ich vor, doch selbst was zu singen und ernte Gelächter. War auch ne blöde Idee.

Und natürlich kommt schließlich der Stau kurz vor Göttingen an der Baustelle. Die Mittagssonne brennt, ich biete Mineralwasser und Äpfel an. Nein, das ist zu öde. Ob es denn noch weit sei bis nach Südfrankreich, und ob es denn auf dem Campingplatz definitiv ein W-LAN gebe…? Die Unruhe da hinten wächst minütlich, und irgendwann ziehe ich den Stecker: Kapitulation vor dem ewig Gestrigen. Raus auf den Rastplatz, alle mal pieseln und pinseln. Dann jeweils ein glücklich machendes BigMac – Menü beim Burgerbrater, mit Cola und Eis. Anschließend ab auf den Rücksitz, Handys raus und wieder Filme gucken – ich erteile die offizielle Erlaubnis. Und all überall ist Frieden und Ruhe. Über hunderte von Kilometern.

Wie war das eigentlich damals, als es diese Elektronikdinger noch nicht gab? Ich werde meine Mama fragen. Irgendwas zum Eltern-nerven werde ich wohl auch gefunden haben…

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Der Traum vom eigenen Ford Mustang bleibt oft einer. Überzogene Preise, so weit das Auge reicht. Es muss doch auch ehrliche 
Schnäppchen geben. Oder?

Überall Mustang. Ich will auch einen. Was millionenfach gebaut wurde, kann nicht so teuer sein. Man betrachte den VW Golf – den bekomme ich mit frischem TÜV und vollgetankt schon ab 300 Euro. Also suche ich in unserem Magazin und im Netz nach einer preiswerten „Mal-eben-kaufen-Variante“ fürs kleine Redakteursgehalt.

Autsch: Ausgeweidete Exemplare ohne Motor und 
Räder starten bei 5.000 Euro. Fahrbare „Project Cars“ sind entweder verbastelt, zerlegt oder mit Moos überzogen und kosten mindestens 7.000 Euro. Aber halt: Ein Händler in der Nähe von Bad Salzuflen hat ein fahrbares 65er Coupé stehen. Cremeweiß, unrestauriert, Rost. Der Kandidat soll 6.500 Euro kosten. Ich tanke spontan meine Alltagskarre und fahre hin.

In der hintersten Ecke steht er. Cremeweiß ist er tatsächlich – von weitem. In drei Metern Abstand gesellt sich noch ein flächiger Braunton auf mattem, teilweise gesplittertem Lack dazu. Direkt vor dem Auto stehend platzt mein Traum vom billigen Mustang wie eine Lackblase über porösem Blech: Front- und Heckschürze sind von Aufsetzern verformt, die Kunststoffmaske sitzt schief auf der Nase. Rund um den Wagen blühen sämtliche Blechkanten, und auch sonst ist er völlig durchgerostet. Die Regenrinnen des Daches – durch; der hintere Scheibenrahmen – durch; rund um die Rücklichter – durch; Radläufe – durch. Ich öffne die Fahrertür und wundere mich, dass sie nicht auf den gepflasterten Vorhof plumpst. Der Mann, der dieses Fahrzeug feilbietet, wirkt ein wenig verunsichert, weil ich seit zehn Minuten den Kopf schüttele und hysterisch lache. Ob ich den Wagen einmal fahren wolle, fragt er. Na klar: Wenn ich schon mal hier bin, gebe ich mir auch gleich die volle Packung!

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Ein bisschen unwirsch erwacht der lahme Reihensechser zu bockigem Leben. Ein paar Gasstöße, ein paar blaue Wolken hinten aus dem Endrohr, dann schnattert er im Leerlauf vor sich hin. Ich lege die Fahrstufe der Automatik ein – und nichts passiert. Aber der Händler steht schon mit einer Flasche ATF bereit und kippt böse guckend mit einem Trichter einen guten Liter in den Stutzen des Getriebes. Haube zu. Jetzt krabbelt das waidwunde Pony langsam los. Draußen auf der Straße will ich ihm aber nicht so richtig die Sporen geben – wer weiß, wie erst die Achsaufnahmen aussehen, wenn sogar schon das Dach durchgerostet ist… Immerhin, der Mustang kann noch bremsen.

Aber das war‘s dann auch. Dieser amerikanische Teenagertraum der 60er sollte mit einem gezielten Schuss niedergestreckt und zum Abdecker gebracht werden. Auch das generöse Angebot des Händlers, mir den Wagen für 6.000 Euro auf die Hand gleich mitzugeben, lehne ich höflich ab, setze mich wieder in mein Auto und sehe, wie der Mustang im Rückspiegel langsam immer kleiner wird.
Die Lehre: Wer einen Mustang haben und nicht auf eine totale Grotte reinfallen will, sollte sein Budget bei mindestens 15.000 Euro ansetzen. Wer das nicht hat: Es gibt ja immer noch die Alternative mit dem frisch geTÜVten Golf…

 

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RDS statt Drehskala, Sendervielfalt statt
 Rauschen – toll in der Theorie, aber 
folgenschwer in der Praxis. Bei mir heißt RDS soviel wie: Raus Den Sender, Rein in Den Stau

Autoradios sind schlau. Zumindest seit 1988. Da wurde RDS aktiv, was die Suche nach alternativen Sendefrequenzen beendete. Klasse. Nun gibt es obendrauf noch RDS Regional. Damit kann ich genau die Werbespots und Nachrichten empfangen, die gerade hier und jetzt in aller Ohren sind. Soweit tolle Erfindungen, ich bin weiß Gott niemand, der aus irgendwelchen nicht nachvollziehbaren „Kult“gründen zwingend ein originales, quäkendes Mittelwelle-Mono-Radio in seinem Oldtimer haben muss.
Aber: Freitagnachmittag. Die A7 zwischen Kiel und Hamburg entwickelt sich zum üblichen Nadelöhr. Es ist kurz vor 16:00 Uhr und ich schalte das Radio ein, des Verkehrsfunks wegen. Das letzte Lied verklingt und RDS schaltet auf regionale Werbung um. Versucht es zumindest. Der Empfang ist hier anscheinend nicht so toll, also kommt nur ein Rauschen, kurzfristig immer noch angenehmer als schreiende Radiowerbung. Nach ein paar Sekunden macht es *piep* und der Empfänger scannt stumm nach stärkeren Frequenzen.
Welch angenehme Ruhe. In dem Moment, wo der letzte gruselige Bratmaxe-Song verklingt, findet das Radio seine regionale Werbefrequenz, der Sender schaltet nun aber wieder um auf die Hauptfrequenz. Denn das Sparkasse-Beratungsspecial, die Werbung nach der Werbung, wird landesweit gleichzeitig ausgestrahlt.

*Piep* – suchende Ruhe.

Ich bin leicht genervt von dem Gehopse. Diesmal findet das Radio den Sender etwas schneller, der einschläfernde Berater meines Vertrauens wird aber nach seinem Monolog sofort von den Regionalnachrichten weggepiept. Ich scheine mit meinem Audi gerade auf einer Sendergrenze unterwegs zu sein, zwei Sprecher fallen sich ins Wort und erzählen mir abgehackt was über Pinneberg und/oder Neumünster. Da ich in Richtung Süden unterwegs bin, erobert mittelfristig Pinneberg die Regionalfrequenz, gibt sie aber gleich wieder ab an einen Werbespot, der mich darüber aufklärt, von wem der gleich folgende Wetterbericht präsentiert wird. Landesweit. Also *piep* und weg, dann wieder da und dann kommt auch schon auf der nächsten Regionalfrequenz der quadratmetergenaue Wetterbericht, den ich wieder mit der Ruhe nach dem *piep* verbringe.

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Grummel. Als sich das Radio gerade fängt und endlich die nun folgenden regionalen Verkehrsnachrichten mit Echtzeitmessung durch irgendein Möbelhaus präsentieren will, höre ich gerade noch das Wort „Stau“, als die Frequenz erneut weg ist und nach dem *piep* Stille gesendet wird.
In dem Moment, wo ich meinen fassungslos-genervten Blick vom Display wieder auf die Straße richte, schliddere ich auch schon mit einer Vollbremsung an das Stauende bei Quickborn ran. Danke, Regionalfunk, danke RDS, ihr habt euch komplett kaputtverbessert. Mist.

Noch heute Abend fliegt die bunte laute Soundmaschine wieder raus. Ich will wieder mein originales, altes „Puebla Stereo CR“ haben, mit Senderskala und Kassettenschacht. Da muss ich zwar hin und wieder drehen und nachjustieren. Aber wenn der Sender erstmal drin ist, dann bleibt er auch drin. Heute hätte mir das den Abend gerettet.

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„Himmel, wie sehen Ihre Hände denn aus?“ fragt der Fleischereifachverkäufer entsetzt.
Ja doch, ja doch, ich bin Motorjournalist und fahre ein altes Auto. Das sieht man den
Pranken schon mal an…

Was war passiert? Der Doppelvergaser meinte, mal wieder ein Schräubchen ausspucken zu müssen, was sich im Laufe der Zeit lose gewackelt hatte. Um da ran zu kommen, war es nötig, die ölige Kurbelgehäuseentlüftung vom Ventildeckel runterzubasteln. Selbstverständlich fand diese Aktion nicht zu Hause vor der Garage statt, sondern als direktes Resultat eines jäh gestoppten Vorankommens mitten auf einer gut besuchten Kreuzung. Mich plötzlich mit hupenden und drängelnden Neuwagen, Bussen und 30-Tonnern konfrontiert sehend, wollte ich vor allem eines: schnell wieder weg.

Das gelang mir auch nach genau sieben Minuten. Ohne Diagnose-Laptop, ohne Pannenhilfe und ohne Resetting irgendwelcher Steuergeräte. Gewindeschraube wieder rein, Gummischlauch zurück auf den Bakelitstutzen, Flossen grob mit einer alten Unterhose abwischen und weiter zum Supermarkt. Grillfleisch kaufen.

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Ja, die Hände sind noch schwarz. Dabei habe ich sie auf der Kundentoilette schon höchst intensiv gewaschen, aber das bringt ja am Anfang nix. Unter den Fingernägeln versteckt sich hartnäckig Ölschlamm, Bremsstaub oder anderer Abrieb, der sich mit Ruß und Sand verbunden hat. Eine Mischung, die man über Tage nicht loswird. Warum baut man daraus eigentlich keine Brücken oder Häuser?
Der Nachteil alter Autos ist vielleicht, dass sie im Alltag meist ein bisschen schmutziger sind als die noch ganz dichten Neuwagen, und dass hier und da mal was kaputt geht. Der Vorteil der geliebten rollenden Ü-30-Fraktion wiederum ist, dass wir als Fahrer jede Schraube kennen und jedes Geräusch richtig zuordnen. Und wenn die Fuhre dann doch einmal stehen bleibt, können wir uns fast immer mit einem Schraubendreher und einer Zange selbst helfen. Auch ohne Bachelor in Informatik. Und Handschuhe sind nicht gefühlsecht – Handschuhe sind die extradicken Kondome des Autoschraubers. Man spürt die Teile nicht genug, an denen man bastelt. Das kann man echt vergessen.

Mit Waschpaste und Spüli bekomme ich immer viel Schmiere wieder runter, spätestens dann treten die kleinen Wunden zu Tage, und nach vier bis fünf Waschgängen lässt sich Hautfarbe erkennen. Na und? Ich werfe dem Fischer nicht vor, dass er nach Fisch stinkt und der Imbiss-Mann wird seinen Bratfettgeruch niemals los. Bei mir sind eben die Hände schmutzig.

Wäre das geklärt? Super. Der kräftige Mann hinter dem Tresen schüttelt noch immer den Kopf, als er mir meine drei marinierten Nackensteaks tropfend in den Plastikbeutel wirft. Das dunkelrote Schweineblut an seinen Fingern wischt er beiläufig an seiner weißen Schürze ab, bevor er sich wieder umdreht und mit bloßen Händen ein paar Stücke Leber für die Auslage zerteilt.

Rot wie Blut, blau wie Hirn und schwarz wie Motoröl. 
Jeder wie er will…

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Fahrradfahrer waren eigentlich immer schwächer als Autofahrer. Hat sich das in den vergangenen Jahren geändert?

Es war dunkel und es regnete Bindfäden. Als ich noch täglich mit dem Fahrrad zur Lehrstelle oder zur Uni fuhr, war so etwas höchstes Alarmwetter: Die Autofahrer konnten einen schlicht nicht sehen. Dazu kamen dann natürlich noch unaufmerksame, sich im Recht wähnende Innenstadt-Vorfahrtnehmer, die wirklich gefährlichen Feinde. Also fuhr ich umsichtig, passiv und ließ den großen und schweren Blechkisten auch mal den Vortritt. Man hing ja an seinem Leben.

Jetzt bin ich Autofahrer. Und fahre so umsichtig Auto, wie ich damals Fahrrad gefahren bin, denn ich will nicht einen unschuldigen Menschen platt fahren, den ich vielleicht bei diesem Mistwetter übersehe. Und trotzdem: Rrrrrrumms….

Im Augenwinkel habe ich ihn gerade noch gesehen, den schwarzen Schatten. Ein unbeleuchtetes Fahrrad, das trotz roter Fußgängerampel über die Straße rauscht. Verdammt, nun ist es doch passiert. Mein alter Passat steht sofort, ich springe (hilfsbereit) raus. Doch was sehen meine regennassen Augen? Ein auf Krawall gebürsteter junger Mann mit Wachsjacke und Strickmütze, der sich geschickt wieder auf die Beine flankt. Sein Fahrrad mit erhöhtem Rahmen und erhöhtem Lenker liegt theatralisch neben dem Auto. Er ist tatsächlich ohne Licht über die rote Fußgängerampel gefahren und hat mir mit offensichtlich geübter Karaterolle eine nette Beule in mein Auto gefahren.

Während ich noch versuche, das alles zu verstehen, bemerke ich, dass der Gute ununterbrochen auf mich einschreit. Seine nicht zitierfähigen Sätze wirken ebenso einstudiert wie seine verletzungsfreie Rolle über mein Auto. Weitere Passanten kommen langsam näher, erste Autos hupen, weil meines noch immer mit Warnblinker auf dem dunklen Abbieger steht. Ich gehe mit friedlich ausgebreiteten Armen auf ihn zu und rufe ihm in angemessener Lautstärke ins Gedächtnis, dass er rasend schnell bei Dunkelheit ohne Licht über eine rote Ampel gefahren ist und ich ihn gar nicht sehen k o n n t e! Jetzt fliegen Satzfragmente wie „…auf die Fresse…“ oder „…krieg dich noch…“ in meine nassen Ohren. Ein gut gebauter Mittfünfziger steigt aus seinem 7er BMW und baut sich schützend neben mir auf. Ich bin dankbar. Der Kamikaze-Pilot steigt auf sein Rad und setzt seine Fahrt schnell, unbeleuchtet, schimpfend und laut fluchend fort mit einem anscheinend unversehrten Fahrrad. Einfach so. Ich bedanke mich bei dem BMW-Fahrer für seinen körperlichen Beistand und steige tropfnass zurück in mein Auto.

Was war das denn bitte gerade? Werden die Innenstädte heimgesucht von selbsternannten frustrierten Exempel-Statuierern? Von pädagogischen Selbstmord-Sattel-Polizisten? Sind wir Autofahrer gefährdet durch eine neue Gewalt auf zwei Rädern?

Volvo hat gerade auf dem Genfer Salon den weltweit ersten Notbremsassistenten mit Fahrraderkennung präsentiert – wann kommt das automatische Fahrradschloss für hirnlose Zweiradfahrer?

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Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Es gibt Menschen, die möchten anscheinend nicht von einem alten Auto überholt werden, egal wie schnell es ist. Ist das die neue Generation Sonntagsfahrer?

Die Tage werden länger und wärmer, der über Monate nicht bewegte Klassiker will wieder auf die Straße und die Trägheit des Winters möchte aus den verschlafenen Radlagern, Zylindern, Kupplungsglocken und Auspufftöpfen rausgeblasen werden. Am besten auf der Autobahn, am Sonntagmittag.
Alle Flüssigkeiten zirkulieren nominal, der Motor ist behutsam warm gefahren und die Zweispurigkeit des Zubringers gibt einen ersten Ausblick auf die gleich folgenden Höchstgeschwindigkeiten. Geil. Ich möchte nur noch kurz die auf der rechten Spur schleichende Limousine mit den vier Ringen überholen. Vielleicht grüßt der Fahrer ja sogar entzückt den Uralt-Bruder seines Wagens?

Nein, tut er nicht. Als ich neben ihm bin, wird er schneller, verbissen nach vorn guckend. 70 km/h, dann 80 km/h, dann 100 km/h. Hallo? Mehr darf ich hier nicht – und der Kollege rechts von mir bleibt stur auf Höhe meines Wagens, als es einspurig auf die Autobahn geht. Na gut, ich lasse mich zurückfallen, weil ich die Einfahrt der Autobahn ungern im parallelen Formationsflug durchmessen möchte und fädele mich leicht verärgert ein. Der provokante Herr der Ringe von eben ist inzwischen am Horizont verschwunden.
Während die Querrillen der BAB unter den Rädern dahinpollern, gerate ich ins Grübeln. Können Sie sich noch an die „Sonntagsfahrer“ erinnern, über die Papa früher immer geschimpft hat, weil er dachte, es läge an mangelnder Übung, wenn jene zu langsam fuhren, nicht blinkten, sich für keine Fahrspur entscheiden konnten und überhaupt eine Schande für die Auto fahrende Menschheit waren? Heute sind wir entspannter, der eine oder andere von uns auch toleranter – bis uns solch unverständliche Reaktion über den Weg läuft. Haben wir es hier mit einer neuen Spezies der Sonntagsfahrer zu tun?

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Ich mache die Probe aufs Exempel. Als das Tempolimit aufgehoben wird und ich einen BMW mit geschätzten 120 km/h sehe, ziehe ich mit meinem alten Neckarsulmer Technologieträger auf die linke Spur und will mit 130 Sachen (für das Jahr 1977 eine spektakuläre Geschwindigkeit) an dem Bayer vorbeidröhnen. Aber kaum tauche ich in seinem Rückspiegel auf, entschlüpft dessen Auspuff ein blaues Wölkchen und der Siebener wird schneller. Okay, ich jetzt auch, das ist ja heute die Challenge. Ich gebe nicht auf, aber bei 170 km/h auch kein Gas mehr – ich will meinem Auto keine Höchstleistungen mehr abverlangen. Es freut sich zwar über den Ausritt, aber ich hege – wie so oft – Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit einiger Menschen.

Ist es wirklich so verwerflich, von einem alten Auto überholt zu werden? Mit Verlaub: Wenn das das moderne Schwanzmessen sein soll, ziehe ich gerne den Kürzeren. Aber verstehen muss ich es nicht. Oder?

 

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Tonträger im Wandel der Zeit – im geschichtlichen Nebel zwischen analogem Dampfradio und digitaler Bluetooth-mp3-Übertragung existiert bei mir noch immer: die Audiokassette

Die Welt dreht sich rückwärts. Alle holen ihre alten Papierfotos aus dem Keller, finden im Netz Freunde von früher und wollen genau das Auto fahren, das Papa hatte, als man noch auf dem Rücksitz saß. Als der Blick von hinten zwischen den Sitzen nach vorn auf das Cockpit und das Radio ging und „Truck Stop“ die Frau besang, die nichts weiteres an hat als den Gurt.

Mit Papierfotos und Freunden können wir von TRÄUME WAGEN nicht dienen, mit dem passenden Auto schon eher… aber was machen die stolzen Retrobesitzer gleich nach dem Kauf? Sie drücken gewaltsam ein blinkendes mp3-Radio mit USB- und Bluetooth-Support in den altehrwürdigen Schacht des Mustang, des Jaguar oder des Diplomat V8. Sie sägen Löcher für Bassreflexboxen in die makellosen Türpappen oder drehen Blechschrauben in die jungfräuliche Heckablage. Das lässt mein Herz bluten. Ich erinnere mich an einen zeitgenössischen Tonträger weit vor der CD und dem, was danach kam. Der auch auf Werkslautsprechern gut klang: Die einst so beliebte Musikkassette.

Es gibt sie noch im neonblassen Elektronik-Discounter. Audiokassetten, im 5er-Pack, 90 Minuten Chrome-Position. Das Laptop ist schnell an mein altes Doppelkassettendeck angeschlossen, ich überschlage grob zwei mal 45 Minuten Spielzeit und pegele ein paar Songs analog und in Echtzeit auf das Tape. Unfassbar zeitaufwändig, aber irgendwie schön. Am Ende macht es laut KLACK, ich entnehme den vielteiligen magnetischen Tonträger, beschrifte ihn liebevoll mit einem Kugelschreiber und begebe mich nach draußen und in mein nicht-Retro-sondern-wirklich-schon-35-Jahre-altes Auto. Da ist ein Kassettenradio aus den frühen 80ern drin. Krass, ich bin richtig ein bisschen aufgeregt…

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Motor anlassen, raus auf die Umgehungsstraße und das Tape ins Deck gedrückt. Es rauscht, es knistert und schon singen mir „Placebo“ was über zu viele Freunde vor. Neue Musik auf einem alten Band, geht doch, ich freue mich halbtot und fahre ein bisschen sinnlos durch die Gegend.
Na ja, manchmal klingt‘s doch recht dumpf. Und irgendwie auch ein bisschen eierig. Da hilft heute genau wie damals kurzes Vorspulen oder ein kurzer Druck auf „Autoreverse“, dann legt sich das Band wieder neu vor den Tonkopf. Ah. Schon viel besser. Lied Nummer drei mag ich nicht so und spule vor, spule übers Ziel hinaus und spule wieder zurück. Und finde irgendwann den nachfolgenden Song. Der bricht abrupt ab, die Kassette macht KLACKKLACKKLACK und kommt mir entgegen. Ich nehme sie an der nächsten Ampel heraus und ziehe ein paar Meter Band aus dem Schacht, die trocken abreißen.

Ach ja, jetzt erinnere ich mich wieder. Es gab damals Gründe, warum man erst ein CD-Radio und später eines mit USB gekauft hat, mit Musik-„Genuss“ hat das hier nicht viel zu tun. Vielleicht war früher nicht ausnahmslos alles besser. Ich muss darüber nachdenken, und bis dahin fahre ich erstmal ein Auto mit einem moderneren Radio…

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In den großen Städten unseres Landes gibt es zu viele Autos und zu wenige Parkplätze. Zumindest direkt vor den Supermärkten. Und erst recht, wenn’s regnet.

Kalter Regen am Freitagabend, zwischen dem verdienten Wochenende und jetzt liegt noch der Einkauf im Supermarkt in der Innenstadt. Es gibt darunter eine dunkle Tiefgarage, kostenfrei. Aber meine Faulheit lässt mich direkt vor die Schiebetüren fahren, um eine der wenigen Parkbuchten vor dem Laden zu ergattern. Manchmal habe ich Glück und es fährt gerade einer raus.

Heute nicht. Nach zehn Minuten mit laufendem Motor begreife ich, dass solche Shopping-Pole-Positions Gold wert sind. Oder mehr – heute will sie anscheinend niemand jemals wieder verlassen. Hinter mir hält schon der nächste in zweiter Reihe. Ah, endlich: Eine junge Frau nestelt direkt neben mir an der hinteren Tür ihres SUV auf einem so begehrten Parkplatz und versucht, ihren störrischen Sohn an den Kindersitz zu fesseln. Ich muss also ein Stück zurücksetzen, damit sie gleich rausfahren kann. Freundlich gestikulierend und mit illuminierten Rückfahrscheinwerfern bedeute ich meinem ebenfalls wartenden Hintermann mein Anliegen – was der aber völlig ignoriert. Warum? Ich will ihn nicht fragen, es regnet zu heftig. Mutti hat inzwischen ihren Sohn besiegt und steigt vorne ein. Also fahre ich anstatt zurück ein Stückchen vor und markiere mit Blinker und Rückwärtsgang mein Revier. Nach gefühlten fünf Minuten rolle ich wieder zurück und sehe, dass Mama zwar am Steuer sitzt, aber in epischer Ausgiebigkeit telefoniert. Jetzt hupt auch noch mein Hintermann mehrfach. Warum? Erneut keine Ahnung.

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Während ich nun doch über die Tiefgarage nachdenke und den klopfenden Regentropfen lausche, beschließt die Parklückendame nun spontan ihren Aufbruch und hupt ihrerseits, weil ich hinter ihr stehe. Also fahre ich wieder ein Stück vor, sie fährt raus – und mein Hintermann steht nur Millisekunden später auf ihrem Parkplatz. Es sind genau diese Momente, die in einem friedliebenden, modernen Menschen Steinzeitgene wecken. Jetzt ist mir der Regen egal. Ich steige wütend aus.

Der junge Mann beachtet mich zunächst gar nicht. Erst als ich unüberhörbar frage, was er glaubt, worauf ich hier seit 15 Minuten warten würde, lacht er mich an und sagt: „Vermutlich auf einen Parkplatz, oder? Nun, ich war wohl einfach schneller.“ Dreht sich um und geht einkaufen.

Der Regen läuft mir in meinen Hemdkragen. Ein weiteres Auto in der Parklücke neben meinem hupt, weil es raus will und ich ihm den Weg versperre. Und vor meinem Wagen steht schon jemand und blinkt mit eingelegtem Rückwärtsgang. Ich kann mein Adrenalin gar nicht richtig genießen, das geht mir alles zu schnell. Tropfnass steige ich ein, fahre in die trockene, fast leere Tiefgarage und parke problemlos ein.
Kurz denke ich darüber nach, zu Fuß in den Regen zurückzukehren, nur für eine klitzekleine Rache. Dann lasse ich es doch und verbuche das Erlebnis unter „Erfahrung“. Nächstes Mal nehme ich gleich die Tiefgarage. Irgendwas ist ja immer.

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Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

 

Warum ich die Kooperationsbereitschaft von Wischerblättern grundsätzlich anzweifle

Winterzeit ist Wischerzeit. Auf der Straße regieren Schmutz und Salz, Regenwasser und Schnee. Spätestens, wenn ich den ersten Lebendviehtransporter auf einer herbstlich angefeuchteten Überlandallee vor mir habe, erinnere ich mich daran, dass ich im Frühling eigentlich neue Wischerblätter kaufen wollte. Wegen guten Wetters und Frühlingsgefühlen habe ich aber zu der Zeit lieber die Liebste mit einem Blumenstrauß überrascht. Das rächt sich nun.

Die Windschutzscheibe verschmiert und verschliert – bei mir immer. Denn in meinem automobilen Leben ist es völlig egal, wie neu oder alt meine Scheibenwischer sind – die Gummis wischen nie, sondern schmieren immer. Natürlich nur auf der Fahrerseite, genau auf Augenhöhe, präzise mittig. Ford Taunus Coupé, Audi 100 5E, Cadillac Eldorado Biarritz, Ford Granada Coupé, Passat 35i Variant? Form und Bauart der Scheibe sind völlig egal, der Durchblick krückt genau auf der Seite, wo er verkehrsgefährdend ist. Budget, Unitec, Champion, CarTechnic oder Bosch? Weder das Fabrikat der Wischer noch ihr Preis zwischen fünf und 35 Euro haben in den vergangenen 20 Jahren irgend einen Unterschied ans verschleierte Tageslicht bringen können. Man sagt, innerhalb eines normalen Jahres schafft so eine Kautschuklippe rund 200.000 Wischzyklen. Das glaube ich gern, auch wenn die links und die rechts aus welchem Grund auch immer ihre Aufgaben unterschiedlich ernst nehmen. Normale Wischer, nur ausgetauschte Gummis, flexible Monowischer, Doppelgummis oder Spoilerwischer? Wahnsinn, was da alles angeboten wird. Ich hätte gern mal ein Paar, das mich über mindestens ein ganzes Jahr den lebenswichtigen Durchblick auf die Straße vor mir haben lässt.

Ich klappe sie hoch, wenn es friert. Ich wische sie an der Tanke mit dem Fliegenschwamm ab, wenn ich die Scheibe von matschigen Viechern befreie. Ich achte auf die Gangbarkeit der Metallbügel und den richtigen Anpressdruck der Federn. Aber beim nächsten Regen geht das Drama von vorn los: Beifahrerseite frei und sauber, Fahrerseite verschmiert mindestens mittig auf Augenhöhe. Und auf der Autobahn verschlimmert sich der Einzugsbereich der Undurchsichtigkeit im Quadrat zur Geschwindigkeit.

Ich sollte mal versuchen, die dunkle Seite der Macht perfide zu überlisten: Ich könnte bei Regen meinen Oberkörper mehr zur Fahrzeugmitte neigen durch die frei geschobene rechte Scheibenhälfte gucken. Ich könnte Fahrer- und Beifahrergummi vertauschen und schauen, was passiert. Ich könnte zehnmal so starke Anpressfedern einhängen. Oder ich fahre nur noch rückwärts – der einsame Wischer-Schlingel da im Heckfenster tut seit Jahren seinen Dienst tadellos.

Aber das bringt wahrscheinlich nichts. Ich fahr jetzt lieber schnell mal in die Stadt, ein paar Blumen kaufen. Das hat wenigstens mit Freude zu tun. Und es regnet gerade nicht…

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