Fragen Sie Frau 8

„Fragen Sie Frau 8“ – Probleme mit dem Wagen, der Frau oder dem Leben an sich? In dieser Rubrik gibt Wiebke Brauer viele Antworten, mögliche Lösungen – oder einfach ein kleines Stück Hoffnung


Holger per Mail: Immer wieder muss ich mir anhören, dass ein Auto ein Gebrauchsgegenstand sei. Was ist so schlimm daran, seine Karre zu lieben?

Lieber Holger! Ich habe Angst. Warum? Weil ich mich gerade einen Moment zurücklehne, einen Schluck aus meiner Kaffeetasse nehme und mir eine Welt vorstelle, die von reinem Nutzen geprägt ist. Es gäbe keine Musik, keinen Plymouth Barracuda und keinen Ford Mustang. Keine Dauerwellen, keine Netzhemden, kein Bier. Es gäbe keinen zwingenden Grund, Sex zu haben, außer um sich zu reproduzieren. Niemand würde sich an einer Schweißperle ergötzen, die an der Wirbelsäule herab rinnt, der Wahn der Geschwindigkeit wäre uns fremd, es gäbe keinen Biss in ein frisches Fischbrötchen, kein Knuspern und keinen salzigen Geschmack. Und was wäre die Freude an einer völlig sinnlosen Handschaltung in einem Porsche 911 Carrera S? Nicht denkbar. Stattdessen würden wir uns alle von einer grünlichen Astronautenpaste ernähren und lauwarmes Wasser trinken, bienengleich in schmucklosen Waben hausen, zehn Stunden täglich einer überaus nützlichen Arbeit nachgehen und kollektiv graue Volkswagen fahren.

Wollen wir das? Wollen wir nicht. Zugegebenermaßen hätte eine Gebrauchswelt auch Vorteile: Wir würden nicht dem Konsumrausch erliegen und in Müllbergen ersticken, hätten in Deutschland keine lästige Sexismus-Debatte hinter uns gebracht – und es wäre uns piepegal, ob für die Tiefkühl-Lasagne vom Discounter nun ein Pferd, ein Meerschweinchen oder ein Rind durch den Wolf gedreht wurde.

Aber ganz ehrlich? Manchmal denke ich, dass der alte Schiller eben doch nicht recht hatte, als er einst sagte: „Denn nur vom Nutzen wird die Welt regiert.“ Denn um mal ins Pathetische zu glitschen – ist die Welt nicht erst durch die sinnlosen Dinge lebenswert, die wir mit Lust und Leidenschaft erfüllen? Gibt es etwas Feineres, als in einem 1965er Cadillac DeVille zu sitzen, ein bisschen, sagen wir, Jimi Hendrix zu hören oder meinetwegen auch Jake Bugg? Dabei eine filterlose Zigarette zu rauchen, dem blassblauen Rauchfaden nachzublicken, ein eisiges Bier zu trinken und zwischendurch eine Hand auf den festen Schenkel der Person neben sich zu legen? Gut, lassen wir die drei letzten Punkte weg, damit nicht alle Sittenwächter dieser Nation aufschreien.

Was bleibt, ist der Moment im 1965er Cadillac DeVille. Sinnlos, aus der Zeit gefallen, ein Relikt, ein Benzinschlucker und Raumfresser, ein nutzloser Traum aus einer anderen Ära, ein Gefühl in Metall gegossen. Nichts braucht der Mensch manchmal mehr.

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Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Fahrradfahrer waren eigentlich immer schwächer als Autofahrer. Hat sich das in den vergangenen Jahren geändert?

Es war dunkel und es regnete Bindfäden. Als ich noch täglich mit dem Fahrrad zur Lehrstelle oder zur Uni fuhr, war so etwas höchstes Alarmwetter: Die Autofahrer konnten einen schlicht nicht sehen. Dazu kamen dann natürlich noch unaufmerksame, sich im Recht wähnende Innenstadt-Vorfahrtnehmer, die wirklich gefährlichen Feinde. Also fuhr ich umsichtig, passiv und ließ den großen und schweren Blechkisten auch mal den Vortritt. Man hing ja an seinem Leben.

Jetzt bin ich Autofahrer. Und fahre so umsichtig Auto, wie ich damals Fahrrad gefahren bin, denn ich will nicht einen unschuldigen Menschen platt fahren, den ich vielleicht bei diesem Mistwetter übersehe. Und trotzdem: Rrrrrrumms….

Im Augenwinkel habe ich ihn gerade noch gesehen, den schwarzen Schatten. Ein unbeleuchtetes Fahrrad, das trotz roter Fußgängerampel über die Straße rauscht. Verdammt, nun ist es doch passiert. Mein alter Passat steht sofort, ich springe (hilfsbereit) raus. Doch was sehen meine regennassen Augen? Ein auf Krawall gebürsteter junger Mann mit Wachsjacke und Strickmütze, der sich geschickt wieder auf die Beine flankt. Sein Fahrrad mit erhöhtem Rahmen und erhöhtem Lenker liegt theatralisch neben dem Auto. Er ist tatsächlich ohne Licht über die rote Fußgängerampel gefahren und hat mir mit offensichtlich geübter Karaterolle eine nette Beule in mein Auto gefahren.

Während ich noch versuche, das alles zu verstehen, bemerke ich, dass der Gute ununterbrochen auf mich einschreit. Seine nicht zitierfähigen Sätze wirken ebenso einstudiert wie seine verletzungsfreie Rolle über mein Auto. Weitere Passanten kommen langsam näher, erste Autos hupen, weil meines noch immer mit Warnblinker auf dem dunklen Abbieger steht. Ich gehe mit friedlich ausgebreiteten Armen auf ihn zu und rufe ihm in angemessener Lautstärke ins Gedächtnis, dass er rasend schnell bei Dunkelheit ohne Licht über eine rote Ampel gefahren ist und ich ihn gar nicht sehen k o n n t e! Jetzt fliegen Satzfragmente wie „…auf die Fresse…“ oder „…krieg dich noch…“ in meine nassen Ohren. Ein gut gebauter Mittfünfziger steigt aus seinem 7er BMW und baut sich schützend neben mir auf. Ich bin dankbar. Der Kamikaze-Pilot steigt auf sein Rad und setzt seine Fahrt schnell, unbeleuchtet, schimpfend und laut fluchend fort mit einem anscheinend unversehrten Fahrrad. Einfach so. Ich bedanke mich bei dem BMW-Fahrer für seinen körperlichen Beistand und steige tropfnass zurück in mein Auto.

Was war das denn bitte gerade? Werden die Innenstädte heimgesucht von selbsternannten frustrierten Exempel-Statuierern? Von pädagogischen Selbstmord-Sattel-Polizisten? Sind wir Autofahrer gefährdet durch eine neue Gewalt auf zwei Rädern?

Volvo hat gerade auf dem Genfer Salon den weltweit ersten Notbremsassistenten mit Fahrraderkennung präsentiert – wann kommt das automatische Fahrradschloss für hirnlose Zweiradfahrer?

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Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Es gibt Menschen, die möchten anscheinend nicht von einem alten Auto überholt werden, egal wie schnell es ist. Ist das die neue Generation Sonntagsfahrer?

Die Tage werden länger und wärmer, der über Monate nicht bewegte Klassiker will wieder auf die Straße und die Trägheit des Winters möchte aus den verschlafenen Radlagern, Zylindern, Kupplungsglocken und Auspufftöpfen rausgeblasen werden. Am besten auf der Autobahn, am Sonntagmittag.
Alle Flüssigkeiten zirkulieren nominal, der Motor ist behutsam warm gefahren und die Zweispurigkeit des Zubringers gibt einen ersten Ausblick auf die gleich folgenden Höchstgeschwindigkeiten. Geil. Ich möchte nur noch kurz die auf der rechten Spur schleichende Limousine mit den vier Ringen überholen. Vielleicht grüßt der Fahrer ja sogar entzückt den Uralt-Bruder seines Wagens?

Nein, tut er nicht. Als ich neben ihm bin, wird er schneller, verbissen nach vorn guckend. 70 km/h, dann 80 km/h, dann 100 km/h. Hallo? Mehr darf ich hier nicht – und der Kollege rechts von mir bleibt stur auf Höhe meines Wagens, als es einspurig auf die Autobahn geht. Na gut, ich lasse mich zurückfallen, weil ich die Einfahrt der Autobahn ungern im parallelen Formationsflug durchmessen möchte und fädele mich leicht verärgert ein. Der provokante Herr der Ringe von eben ist inzwischen am Horizont verschwunden.
Während die Querrillen der BAB unter den Rädern dahinpollern, gerate ich ins Grübeln. Können Sie sich noch an die „Sonntagsfahrer“ erinnern, über die Papa früher immer geschimpft hat, weil er dachte, es läge an mangelnder Übung, wenn jene zu langsam fuhren, nicht blinkten, sich für keine Fahrspur entscheiden konnten und überhaupt eine Schande für die Auto fahrende Menschheit waren? Heute sind wir entspannter, der eine oder andere von uns auch toleranter – bis uns solch unverständliche Reaktion über den Weg läuft. Haben wir es hier mit einer neuen Spezies der Sonntagsfahrer zu tun?

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Ich mache die Probe aufs Exempel. Als das Tempolimit aufgehoben wird und ich einen BMW mit geschätzten 120 km/h sehe, ziehe ich mit meinem alten Neckarsulmer Technologieträger auf die linke Spur und will mit 130 Sachen (für das Jahr 1977 eine spektakuläre Geschwindigkeit) an dem Bayer vorbeidröhnen. Aber kaum tauche ich in seinem Rückspiegel auf, entschlüpft dessen Auspuff ein blaues Wölkchen und der Siebener wird schneller. Okay, ich jetzt auch, das ist ja heute die Challenge. Ich gebe nicht auf, aber bei 170 km/h auch kein Gas mehr – ich will meinem Auto keine Höchstleistungen mehr abverlangen. Es freut sich zwar über den Ausritt, aber ich hege – wie so oft – Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit einiger Menschen.

Ist es wirklich so verwerflich, von einem alten Auto überholt zu werden? Mit Verlaub: Wenn das das moderne Schwanzmessen sein soll, ziehe ich gerne den Kürzeren. Aber verstehen muss ich es nicht. Oder?

 

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Fragen Sie Frau 8

„Fragen Sie Frau 8“ – Probleme mit dem Wagen, der Frau oder dem Leben an sich? In dieser Rubrik gibt Wiebke Brauer viele Antworten, mögliche Lösungen – oder einfach ein kleines Stück Hoffnung


Leonard B. per Mail: Ich habe gerade eine Online-Petition unterschrieben.
Thema: „Wir wollen die Handbremse zurück!“ Sind Sie auch dafür?

Lieber Leonard! Offen gestanden: Petitionen sind mir unheimlich. Ist natürlich ehrenwert, wenn Menschen mal zur Abwechslung eine Meinung haben, allerdings fürchte ich mich vor einer Form der Demokratie, in der Facebook-Cäsaren einfach den Daumen senken – und sei die Entscheidung noch so sehr in meinem Sinne. Zudem ist die Begründung der Ablehnung der elektronischen Parkbremse manchmal ein bisschen fragwürdig. „Ich hasse diesen elektrischen Scheiss,“ schreibt Sebastian Köster aus Olpe als Erklärung. Was mich irgendwie an die Online-Petition „Raus mit Markus Lanz aus meinem Rundfunkbeitrag!“ erinnert, die mehr als 230.000 Menschen unterzeichneten. Einer mit der Begründung: „Weil ich ihn hasse.“ Vielleicht war es auch Sebastian Köster. Weil der alles hasst. Wer weiß.

Doch zurück zur Debatte über die Handbremse. Beim Durchleuchten der Argumente for the good old Handhebel fiel mir die Anmerkung von Andreas Fehringer aus Stuttgart positiv auf. Der schreibt nämlich in seinem Kommentar: „Wenn ich die Mechanik in der Hand halte, weiß ich, was Sache ist. Ob angezogen, ob lose, ob defekt.“ Recht hat der Mann. Nicht nur, dass der Konsument sich bereits in einer seit Jahren andauernden Fehde mit Knöpfen befindet, die die Armaturenbretter wie Altersflecken überziehen, sie machen mich auch persönlich fertig. Es sind zuviele. Ich vergesse, ob ich sie gedrückt habe. Ich weiß nicht, wozu sie gut sind. Sie leuchten manchmal. Sind sie defekt, wenn sie nicht leuchten? Und: Ich kann nicht an ihnen rumfummeln. Ich gestehe nämlich, dass ich ein anachronistischer Handbremsenfummler bin. Ich bin jemand, der an der roten Ampel aus Langweile zu manuellen Übersprungshandlungen neigt und dann versonnen über das Teil streicht. Achtung, Sexismus-Falle…

Wechseln wir besser die Argumentations-Schiene. Nee, nicht Anfahren am Berg. Handbremsen klingen herrlich. Ein fieses und finales „Krrrarkzzz“, das sich ins Ohr fräst, wenn man sie festzieht, ganz wunderbar und einmalig. Und dieses „Krönkk“, wenn man sie wieder löst. Wenn sie sich denn löst. Denn mir wurde schon mehrmals versichert, man solle Handbremsen eh nur zum Driften benutzen. Insbesondere bei Oldtimern neigten sie dazu, festzurotten. Keine Ahnung, ob das so eine Geschichte ist wie die mit demAugenschielen, das für immer bleibt, wenn die Uhr schlägt.

Ist auch egal. Ich besitze nämlich keine Handbremse. Ich fahre einen Mercedes mit Fußfeststellbremse.

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Liebe Autosiasten,

die Erlebnisse unseres Redakteurs Jens Tanz (siehe „Tanz ums Auto“, Seite 178) hat – als er sie in der Redaktion erzählte – zu den typischen Reaktionen geführt: „Das ist mir auch passiert…“ Er ist tatsächlich nicht der einzige, der erleben musste, dass ein Fahrer eines modernen Autos persönlich beleidigt war, als ein Oldtimer ansetzte, ihn zu überholen. Wie bitte? Kann das wahr sein?

Ob es daran liegt, dass wir zu oft von „Entschleunigung“ schwärmen, wenn wir über Oldies schreiben? Oder dass man Oldiefahrern generell unterstellt, Zeit ohne Ende zu haben? Dann wollen wir hier mal etwas gerade rücken: Wir fahren unsere alten Autos auch mal, wenn wir zu einem Termin müssen – weil die Klassiker gefahren werden müssen, weil wir es gerne tun und weil wir es oft tun wollen. Und nicht alle Oldies haben einen zweifellos durchzugsschwachen 34-PS-Boxer im Heck – es sind durchaus ein paar große Vierzylinder, seidige Sechszylinder und bullige V8 dabei, ganz zu schweigen von den potenten Zwölfern. Und einige von uns fahren sogar – na sowas – Youngtimer als Alltagsautos.

'Editorial TRÄUME WAGEN 03/2014' weiterlesen

Der Mercury Cougar war die dicke Komfort-Version für die verwöhnte Mustang Klientel und sollte den Camaro zähmen. TRÄUME WAGEN-Leser Maik Lauer hat seinem schließlich das Fliegen beigebracht

Die Jahre bei der Bundeswehr sind vielen von uns noch in mehr oder weniger guter Erinnerung. Für Maik Lauer aus Zwickau (das ist auf der Karte ganz weit rechts in der Nähe der Tschechischen Republik) bedeuten seine vier Jahre vor allem eines: Mehr Geld übrig zu haben, als man zwischen Kantine und Truppenübungsplatz ausgeben kann. Und mit diesem Geld konnte er sich tief im Osten einen Traum aus dem Wilden Westen erfüllen, denn auf die Muscle Cars jenseits des großen Meeres schielte er schon immer.

Den Ausschlag gab ein Urlaub an der schönen Ostseeküste, wo Familie Lauer auf einem Parkplatz zwischen die donnernden Boliden eines US-Car Treffens geriet. Jetzt musste es sein. Lauer begann zu suchen. Tief im bundesdeutschen Westen, wo die Sonne verstaubte, fand er bei einem Sammler einen Mercury Cougar aus der ausklingenden ersten Serie, der irgendwann mal irgendwie aus dem Bundesstaat Connecticut im Nordosten der USA über einen Besitzer in Spanien den Weg ins Ruhrgebiet gefunden hatte. Der sollte es sein.

Die beiden wurden sich preislich einig, der „Puma“ befand sich in einem fahrbereiten, aber überholungswürdigen Zustand. Den Weg zurück in den Osten legte Maik auf eigener Achse zurück und ließ sich berauschen vom ehrlichen Purismus der fast 40 Jahre alten Großserien-Legende. Beim Blick über die Motorhaube fühlte er sich wie der Farmer, der mit seinem Filius die Ländereien überblickt und sagt: „Mein Sohn, das alles wird einmal dir gehören…“

Noch immer frisst irgendwo da vorn die Raubkatze namens Puma, auf amerikanisch Cougar, gierig die Straße und grummelt zufrieden aus ihren zwei Tüten die Überbleibsel des verbrannten Treibstoffes hinten raus. Um sie rum kein Schnickschnack, kein Tinnef. Schwarzer Kunststoff, vier analoge Rundinstrumente – das Muscle Car der Ford Motor Company verleugnet seine sportlichen Ambitionen an keiner Stelle.